PERRY-RHODAN-Kommentar 2001


Monochrom-Mutanten


Als Perry Rhodan am 20. Juni 1147 NGZ von NATHAN auf allen Kanälen verkünden ließ, daß die Milchstraße wieder frei und Monos tot sei, waren zwar die »Dunklen Jahrhunderte« beendet, aber diese Schreckenszeit ließ sich nicht so einfach abschütteln oder völlig überwinden. Hinzu kommen Aspekte, die unter der Rubrik Langzeitfolge rangieren und auf die zu reagieren schwerfällt: Niemand kann exakt sagen, was alles im Einzelnen von Monos geplant, begonnen, abgebrochen oder vergessen wurde und als »böse Überraschung« vor sich hin schlummerte.

Eine dieser Überraschungen gewinnt in Form der Monochrom-Mutanten Gestalt. Deren Auftreten zeichnete sich schon seit einiger Zeit ab und verbindet sich mit Namen wie Tess Qumisha, Startac Schroeder und Vince Garron. Daß es zu einer »wahren Mutantenschwemme« kommen würde, war dagegen weniger abzusehen – wobei allerdings mit dem Begriff »Schwemme« vorsichtig umzugehen ist, wenn wir berücksichtigen, daß etwa 60.000 bis 80.000 Personen im Territorium der LFT der übrigen, in die Milliarden gehenden Gesamtbevölkerung gegenüberstehen.

Der Hintergrund ist rasch ermittelt: Die genetischen Linien sämtlicher Monochrom-Mutanten weisen auf die Welt Horrikos, stets gibt es mindestens einen Vorfahren, der dort gelebt hat. Der 7460 Lichtjahre von Sol entfernte Planet diente als Auffanglager für die Opfer eines genetischen Zuchtprogramms, das allerdings als Mißerfolg abgebrochen wurde. Ziel war die Schaffung eines Supermutanten gewesen – wurde allerdings in keinem einzigen Fall erreicht. Mit Blick auf Monos muß man wohl sagen: Zum Glück!

Wer sich an Ribald Corello erinnert, weiß, daß solches in der Vergangenheit auch von Aras und Báalols versucht wurde und zumindest in Gestalt Corellos erfolgreich war, während über die Mißerfolge recht wenig bis gar nichts bekannt ist. Mißerfolge nicht zuletzt auch, weil es so etwas wie ein isolierbares und jederzeit reproduzierbares »Psi-Gen« eben nicht gibt, wird das Paranormale doch viel mehr mit den natürlichen, wenn auch im allgemeinen eher latenten Kräften eines jeden Bewußtseins an sich in Verbindung gebracht.

Andererseits gibt es selbstverständlich eine Interaktion zwischen Bewußtsein und Körper, bei der die übergeordneten Komponenten von Materie zweifellos eine Rolle spielen: Hyperbarie ist das hyperenergetische Äquivalent, und auch die übrigen Frequenzbereiche des Hyperspektrums sind mehr oder weniger ausgeprägt beteiligt, so daß von einer scharfen Trennung von Materiellem und »Immateriellen« gar nicht gesprochen werden kann. Ein Effekt, der im Welle-Teilchen-Dualismus seine Analogie findet: Stets kommt es auf die »Meßmethode« an, welche Beobachtung erzielt wird – eine Konzentration auf biologisch-materialistische Dinge muß dann das Materialistische zum Ergebnis haben, bleibt aber nur eine Seite der Medaille.

Rein biologisch betrachtet, ist das Wahrnehmungsvermögen von Lebensformen bevorzugt an jenen Bereich geknüpft, der dem Überleben dient. Überflüssiges wird quasi »ausgeblendet«, weil eher von ablenkender statt förderlicher Wirkung. Umgekehrt ist auch bekannt, daß der Ausfall von bestimmten Wahrnehmungen mitunter zur Schärfung anderer führt. Vor diesem Hintergrund ist die Farbenblindheit Monochrom-Mutanten – wie man sie deshalb auch nennt – als übereinstimmendes Merkmal nicht einmal verwunderlich. Paranormale Kräfte der Monochrom-Mutanten und ihre Farbenblindheit stehen zwar nicht in ursächlicher Beziehung zueinander, aber bei ihnen geht die Stärkung einer Wahrnehmungsseite mit der Schwächung respektive Unterdrückung der anderen einher.

Das heißt natürlich nicht, daß jeder Farbenblinde automatisch paranormale Kräfte hätte, ganz im Gegenteil. Auch nicht jeder Parabegabte ist zwangsläufig farbenbild. Nur für die von Horrikos Abstammenden läßt sich dieses übereinstimmende Muster ableiten, zweifellos als Folge der genetischen Zuchtversuche. Farbenfehlsichtigkeit ist überdies keineswegs so selten, wie es vielleicht im ersten Augenblick erscheint; schon im ausgehenden 20. Jahrhundert war bekannt, daß etwa acht Prozent der Männer, jedoch nur 0,5 Prozent der Frauen davon betroffen waren, bedingt durch rezessiv-geschlechtsgebundene Vererbung. Neben teilweise ausgeprägten Formen wie Rotgrünblindheit (Daltonismus) gab es auch die über das gesamte Spektrum reichende Anopie, bedingt durch einen Ausfall der Zapfen der Netzhaut des Auges – bei völliger Farbenblindheit als Achromatopsie umschrieben, während bei Farbenfehlsichtigkeit allgemein von Dyschromatopsie gesprochen wurde.

Es ist (noch) nicht bekannt, welcher Einfluß ausgerechnet zum Ende des 13. Jahrhunderts NGZ für die »Mutantenschwemme« verantwortlich zeichnet. Es kann ebenso mit hyperphysikalischen Dingen zu tun haben wie mit einem Effekt, der erst nach mehreren Generationen des Hochschaukelns wirksam wurde, einem akkumulierenden Prozeß über einen bestimmten Grenzwert hinaus. Fest steht nur, daß mit diesem massierten Auftreten bei Kindern und Jugendlichen gravierende Probleme verbunden sind, die von Ressentiments und begründeten Ängsten auf der einen Seite bis zu unkontrollierten, weil nicht geschulten Parawirkungen auf der anderen Seite reichen.

Mit den Psi-Isolations-Netzen (abgekürzt: PsIso-Netz) als einer Weiterentwicklung der Psi-Reflektornetze greift eine erste Maßnahme zum Schutz der Bevölkerung, zweiter Schritt sind die internatsähnlichen Mutantenschulen und die Einrichtung eines Residenz-Ministeriums für Mutantenangelegenheiten.

Langsam wandeln sich Angst und Ablehnung in Akzeptanz, schließlich ist mit den Parabegabten auch eine große Chance verbunden: Aus Kindern und Jugendlichen werden schnell Erwachsene, und wenn diese ihre ausgebildeten paranormalen Kräfte beherrschen und gezielt einsetzen, ist es ein nicht zu vernachlässigender Machtfaktor auf seiten der LFT ...

Rainer Castor